Viktor Perren – ein echter Zermatter

Vik, so nennt er sich als Abgrenzung zu seines Vaters Namen, ist ein Tausendsassa! Wie abwegig es klingt, der 46-jährige Bergbahnangestellte wird gerne als der «letzte echte Zermatter» bezeichnet.

Das macht zwar – herkunftsbedingt – kaum Sinn, denn seine Mutter, die er schon mit zwei Jahren verlor, stammt aus Biel/Bienne. Sein Vater und sein charismatischer Grossvater jedoch haben sich um die Entwicklung des Skisports in Zermatt grosse Verdienste erworben. Nein die schalkhafte Anspielung rührt von seiner unbeirrten Hingabe an frühere Sitten und Gebräuche her, denen er überall – seis in alten Städeln, Geräten und Dokumenten – nachspürt.

Vik der Vielfältige

Vielleicht wäre es einfacher, die Berufe aufzuzählen, die er nicht ausübt, statt bei der Fülle seiner dienstlichen und privaten Aufgaben zu verweilen. Der gelernte Koch ist als gut ausgebildeter Skipisten-, Lawinen- und Rettungsfachmann stellvertretender Rettungschef am Rothorn und als Lawinenhundeführer jederzeit abrufbar.
Vik ist handwerklich sehr geschickt und verfügt über ein beachtliches ästhetisches Gespür. Er baut zu verfallen drohende Ställe in Wochenendhäuschen um, zaubert aus uraltem Wurzelwerk und bizarrem Treibholz veritable Kunstwerke, verziert Holzbretter mit vollendeten Rosetten. Eine Zeit lang versuchte er sich als Züchter des selten gewordenen Walliser Landschafes; gab dies aber auf und legte in Zmutt einen Roggenacker an. 
Es mutet in einer Zeit, die sich der Flüchtigkeit verschreibt, seltsam an, doch Vik beweist, dass sich das Althergebrachte mit dem Modernen nicht nur verträgt, sondern es gar beseelt. Denn es geht, wie uns «das Land der aufgehenden Sonne» im Zen enthüllt, nicht um äussere Form, sondern um innere Haltung.

Der vormals passionierte Weidmann scheut sich nicht, seine traditionelle Verwurzelung öffentlich zu bekennen. Er ist Hilfswildhüter, Mitglied des Trachtenvereins und schwingt als Gemeindefähnrich an festlichen Anlässen das Dorfbanner.

Viktor Perren ein echter Zermatter
Herrgottstag 2020 – Vik mit der Gemeindefahne ©Zermatt Magazin

Vik hat sich das Schwyzerörgeli-Spielen selbst beigebracht und eine Ländlermusikkapelle gegründet, in der er, einem magyarischen «Primas» gleich, die Leitmelodie spielt. Sein traditionelles Musizieren weckt Begehrlichkeiten, nun wird er – seis auf Riffelberg oder Sunnegga – mit seinem Ensemble öfters zum Aufspielen gebeten. Und doch findet er ab und zu noch Zeit, gemeinsam mit Klaus Julen einen Sagenabend zu gestalten.

Kultur als Lebensform

Vik weiss, dass sich Kultur, also Äusserung, die als Luxus über das rein Nützliche hinauswächst, früher in den Berggebieten schwertat. Zu sehr erschöpfte sich die Lebenskraft unsrer Ahnen im Kampf ums schlichte Überleben und in der Abwehr zermürbender Naturgewalten, die in einem Augenblick zerstörten, was sie in Jahren errichtet hatten. Was blieb da ausser ein wenig Musse zum Musizieren und zum Holzschnitzen übrig! Daher birgt sich ihre Kultur – hierin der steinigen Landschaft ähnlich -– in ihrer rigiden Lebensform. Städel, Speicher und altertümliche landwirtschaftliche Gerätschaft stellen also hiesige Kulturdenkmäler dar, die es wie die Renaissance-Paläste in unserm südlichen Nachbarland zu schützen gilt.

Im Wissen, dass Bewahren Vertrautheit voraussetzt, liegt Viks eigentliche Passion in der Hinwendung zur heimischen Geschichte, die, obwohl die Flüchtigkeit der Zeit manches fortzuschwemmen droht, allmählich wiederum Beachtung findet. Er hat sich eine umfangreiche Bücherei und eine Sammlung alter Fotos und Postkarten von Zermatt zugelegt und seine Kenntnisse in Gesprächen mit älteren traditionsverbundenen Schäfern und Jägern vertieft. Dank diesem Steckenpferd und seinem Flair als Fotograf wurde er schon verschiedentlich zum Illustrieren von Büchern über Zermatt wie z. B. «Mythos Matterhorn» und «Hotels erzählen» beigezogen.

Wandern und Entdecken

Als Mitglied der Zermatter Kulturkommission ini­tiierte Vik mit Rene Biner, Klaus Julen, Othmar Perren und anderen die Interessengemeinschaft «Wandern und Entdecken», die kürzlich im Verein «Altes Zermatt» mündete. Dieser stellte sich die Aufgabe, auf bisher kaum beachtete Kulturschätze hinzuweisen. Als Erstes gestaltete der Verein den «Kulturweg» nach Zmutt, der im Südwesten von Zermatt an lauschigen Plätzen und am ältesten Stadel Europas vorbei zu diesem mittelalterlichen Weiler führt. Unterwegs veranschaulicht er in vierzehn beschilderten Stationen 800 Jahre Zermatter Landwirtschaft. Nach diesem gelungenen Auftakt möchte sich «Altes Zermatt» dem alten Dorfkern und anderen, rund um Zermatt verstreuten Weilern wie Blatten und Findeln zuwenden.

Viktor Perren ein echter Zermatter
Selbst hergestellte und bestickte Glockenriemen ©Zermatt Magazin

Dank diesem idealistischen Wirken beginnt sich der Schleier, der das Erbe unserer Ahnen verhüllt, einen Spaltbreit zu lichten.

—————————————————————————

Dieser Artikel wurde im Zermatt Magazin 2021 by Valmedia (www.valmedia.ch) veröffentlicht.
Autor: Ernesto Perren

Weitere Artikel können im Zermatt Magazin (erhätlich bei Zermatt Tourismus) oder online nachgelesen werden.

1 comment
  1. Nebst den verschiedenen landwirtschaftlichen Nutzbauten ist ein Stadel besonders hervorzuheben. Hierbei handelt es sich um den altesten Stadel Europas, welcher im Jahr 1261 errichtet wurde und bis heute erhalten ist. Zu bestaunen ist er im Flur Hintere Herbrig , Station Nummer funf. Der Kulturweg ist ein Projekt, das von Rene-Michael Biner, Klaus Julen, Viktor Perren und Othmar Perren ins Leben gerufen und umgesetzt wurde. Die Unterstutzung erfolgte durch die Einwohnergemeinde Zermatt, die Kultur- und Sozialstiftung der Burgergemeinde Zermatt, die kantonale Denkmalpflege und Zermatt Tourismus.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You May Also Like
Read More

Einzigartiges über Zermatt – Entstehung der Gemeinde

Im Jahre 1280 wurde das Dorf am Fusse des Matterhorns erstmals urkundlich unter dem Namen „Pratobornum“ erwähnt. Später kannte man das Dorf auch unter den Namen „Vallis de Pra Borno“, „Vallis de prato Borno“ und „Praborne“. Weitere ähnliche Namen erschienen, alle mit derselben Bedeutung: „Matte im Quellgebiet“ oder „Matte in den Grenzmarken“
Read More